Schüssel + Habsburg: Ausweisen!!

Österreich und Dollfuß als Opfer

 

Schüssel erinnerte an „hausgemachte Fehler“ in den 30er Jahren.

Mit seiner Sicht der Dinge auf den „Anschluss“ von 1938 hat am Montag der langjährige EU-Abgeordnete und Sohn des letzten österreichischen Kaisers, Otto Habsburg, für Aufsehen gesorgt – steht sie doch diametral den gängigen Historikeransichten gegenüber.

 

 

Er glaube, es gebe keinen „Staat in Europa, der mehr Recht hat, sich als Opfer“ von Nazi-Deutschland zu bezeichnen, als Österreich, sagte Habsburg bei einer Gedenkveranstaltung der ÖVP im historischen Reichsratssaal des Parlaments.

 

 

Am Ende der Rede Habsburgs erhob sich das Publikum und spendete anhaltenden Applaus, auch einige Jubelrufe waren zu hören – auch wenn ÖVP-Klubobmann Wolfgang Schüssel danach einige Relativierungen vornahm.

 

 

„Ermordung“ Österreichs bei Friedensgesprächen

„Die Diskussion hier in Österreich über die Frage, ob Österreich ein Mitschuldiger war oder ob es ein Opfer war“, sei eigentlich ein Skandal gewesen, meinte der 95-jährige Habsburg – mehr dazu in oe1.ORF.at.

 

 

Die Schuld für die historische Entwicklung machte er vielmehr in den „sogenannten Friedensgesprächen“ nach dem Ersten Weltkrieg fest, bei denen der „Todesstoß“ für Österreich schon vorbereitet und damit die „Ermordung“ des Landes geplant worden sei. Er kritisierte auch die Siegermächte dafür, die Okkupation Österreichs hingenommen zu haben, und dankte allein Mexiko für den Protest gegen die Annexion.

 

 

„Hitler hasste Österreich“

Den „Anschluss“ erklärte Habsburg so, dass Adolf Hitler Österreich „von Herzen gehasst“ habe, weil der „österreichische Gedanke geradezu der Widerspruch zum Nationalsozialismus“ war. Österreich habe nämlich multinational gedacht, und außerdem sei die europäische Idee aus Österreich gekommen.

 

 

Hitler sei in Österreich einmarschiert, weil Kanzler Kurt Schuschnigg das große Verbrechen begangen habe, von einer Volksabstimmung über den „Anschluss“ zu sprechen. Hitler habe gewusst, dass die von Schuschnigg überraschend für 13. März angesetzte Abstimmung gegen ihn ausgegangen wäre, glaubt Habsburg an den damaligen „Aufstieg des Patriotismus“.

 

 

Stolz auf Dollfuß

Auch in der Zeit von Ständestaat-Kanzler Engelbert Dollfuß habe „es auch endlich einmal einen ausgesprochenen österreichischen Patriotismus“ gegeben. Dabei seien „viele mutige Taten gesetzt worden“.

 

 

Generell war Habsburg voll des Lobe für den umstrittenen Dollfuß: „Es gibt kein anderes Land in Europa, das einen Kanzler gehabt hat, der in der Schlacht gegen Hitler gefallen ist. Darauf sollten wir auch stolz sein.“

 

 

Heldenplatz als „Selbstverständlichkeit“

Auch mit Ausführungen zu den Szenen auf dem Heldenplatz am 15. März 1938 ließ Habsburg aufhorchen. Den Auftritt Hitlers und die Bilder der jubelnden Menge verglich er mit Einmärschen der Deutschen Wehrmacht in anderen Hauptstädten.

 

 

„Wenn so ein großer Rummel ist, kommen die Leute zusammen, hören zu oder applaudieren, das ist eine Selbstverständlichkeit.“ Von anderen Städten seien solche Bilder einfach nicht so publik gemacht worden. Und heute würden 60.000 Leute bei „jedem Fußballereignis“ zusammenkommen.

 

 

Tosender Applaus und Einschränkung

Habsburgs Rede wurde bei der ÖVP-Veranstaltung mit tosendem Applaus beschlossen. ÖVP-Klubobmann Schüssel erinnerte allerdings nach dem „strahlenden Bekenntnis“ Habsburgs für Österreich daran, dass es in den 30er Jahren auch hausgemachte Fehler gegeben habe.

 

 

„Es war ein dramatischer Fehler, das Parlament auszuschalten“, so Schüssel in Bezug auf Dollfuß. Die Politik dürfe „nicht aus kurzfristigen taktischen Gründen heraus etwas tun, das das Staatsganze gefährdet“. Er betonte, dass es verschiedene Aspekte und Schattierungen der historischen Wahrheit gebe.

 

 

„Gott schütze Österreich und die EU“

Die historische Aussage von Bundeskanzler Schuschnigg im März 1938 unmittelbar vor dem Einmarsch der Hitler-Truppen – „Gott schütze Österreich“ – müsse heute ergänzt werden: „Gott schütze Österreich und die EU“, so Schüssel. „Denn die EU ist das einzige Gegengift gegen Populismus und Nationalismus.“

 

 

Ausdrücklich warnte Schüssel vor den Gefahren des Populismus: „Das Spiel mit Feindbildern und Sündenböcken ist ein Klischee, das heute noch greift – auch in der österreichischen Politik.“

 

 

Darabos verlangt Distanzierung

Mir scharfer Kritik an Habsburgs Aussagen meldete sich Verteidigungsminister Norbert Darabos (SPÖ) zu Wort. Diese seien „untragbar und ein veritabler demokratiepolitischer Skandal“. Darabos sprach von einer „Verhöhnung der NS-Opfer“ und verlangte eine Distanzierung der ÖVP.

 

 

Wenn solche „krausen Thesen“ einer derartigen Geschichtsklitterung zustimmendes Gelächter und Applaus hervorriefen, müsse es klare Worte vonseiten der Verantwortlichen in der Volkspartei geben.

 

 

Dollfuß und die ÖVP

Die Einschätzung der Rolle Dollfuß‘ durch die ÖVP ist immer wieder Anlass auch für politische Debatten. So plädierte der Zweite Nationalratspräsident Michael Spindelegger (ÖVP) vor kurzem für eine differenzierte Betrachtung des Ständestaat-Kanzlers. Natürlich sei Dollfuß für das Ende der Demokratie in Österreich im Jahr 1933 verantwortlich gewesen, andererseits sei er aber auch ein Kämpfer gegen den Nationalsozialismus gewesen.

 

 

Für Spindelegger war Dollfuß sowohl der Arbeitermörder des Jahres 1934 als auch ein Märtyrer im Kampf gegen den Nationalsozialismus. Das Dollfuß-Bild im ÖVP-Parlamentsklub will er nicht abhängen: „Ich halte nichts davon, dass man, indem man Bilder abhängt, zu einer anderen Geschichte kommt.“

 

[orf.at]

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